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Abschied aus dem Internet

6. Oktober 2010

Wenn ich einen Raum betrete, in dem sich Menschen aufhalten, sage ich „guten Tag“, wenn ich ihn wieder verlasse „auf Wiedersehen“. Was im realen Leben selbstverständlich ist, lässt sich nicht immer auf die Umgangsweisen im Internet übertragen.

 

Bisher kannte ich nur das „guten Tag“ im Internet. „Herzlich willkommen auf unserer Plattform“, „Willkommen beim Dienst xy“, „Ihr Account wurde freigeschaltet“, „Werden Sie Mitglied bei…“ Täglich entstehen neue Communities und Internetangebote, die „guten Tag“ sagen. Vom Verschwinden eines Angebotes habe ich bisher immer nur erfahren, wenn ich die Seite aufgerufen habe und auf eine Fehlermeldung oder ein Angebot, die Domain zu kaufen, traf.

Jetzt habe ich innerhalb weniger Tage von drei Internetplattformen Nachrichten erhalten.

1. „Xmarks Sync to be Discontinued“

Xmarks ist eine Erweiterung für den Firefox-Browser. Es gleicht Firefox-Lesezeichen und Passwörter über einen Server ab und stellt sie weltweit zur Verfügung.

2. „Einstellung des Portals Polylooks zum 31.12.2010“

Polylooks ist eine Online-Bildagentur der Deutschen Telekom Fotocommunity und Magazin, auf dem man lizenzfreie Bilder kaufen und verkaufen kann.

3. „femity nimmt Abschied: Foren und Datenbanken vom Netz genommen“

Femity war eine Frauen-Community, die nach dem Forenprinzip aufgebaut war. Sie wurde redaktionell betreut und frau konnte alles Mögliche zu beruflichen und lifestyle-Themen finden.

Zufällige Häufung oder Beginn einer Abschiedskultur im Internet?

Tatsache ist, dass das Internet ein junges Medium ist. Manche Seiten sind wie Sternschnuppen, man sieht sie kurz, dann verschwinden sie im schwarzen Loch des Cyberspace. Andere Angebote haben sich etabliert,  sind jedoch in die Jahre gekommen (femity),  das Geschäftsmodell hat nicht funktioniert (Polylooks) oder die Monetarisierung eines vielfach genutzten Dienstes ist nicht gelungen (Xmarks).

Ich bin froh, dass die Betreiber mir diese Nachrichten schicken. Zum einen kann ich mir wichtige Inhalte vor dem Abschalten der Webseiten sichern und mich rechtzeitig nach einer Alternative umschauen. Auch wenn die E-Mail im sachlichen Ton der Information daher kommmen, spüre ich zum anderen, dass hinter jeder Seite Menschen stehen, die Zeit,  Geld und persönliches Engagement in ihre Projekte gesteckt haben. Eine Webseite aus dem Netz zu nehmen, das ist ein Stück Sterben. Zurück zu schauen, Abschied zu nehmen, Menschen, mit denen man über die Seite verbunden war, mit in den Abschied einzubeziehen – das gefällt mir als Abschiedsgestalterin. Es fällt niemandem leicht, eine Webseite einfach abzuschalten. So sage ich öffentlich Danke und wünsche den Menschen, die hinter den Webseiten stehen viele spannende und ertragreiche neue Projekte.

(Beitragsbild: Fotolia.com  onkeltobi)

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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