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Carina unvergessen – Buchempfehlung

19. Oktober 2009

Katrin Gebert, „Carina unvergessen“ Erinnerungskultur im Internetzeitalter

 

Seit einigen Jahren erscheinen immer mehr deutschsprachige Gedenkseiten im Internet. „Carina unvergessen“ ist die erste umfassende wissenschaftliche Studie, die sich mit diesem Phänomen auseinandersetzt. Mehrere hundert Internetseiten gibt es, auf denen verstorbene Menschen öffentlich vorgestellt, erinnert und betrauert werden. Neben kommerziellen Seiten, die ein Portal für Einträge zur Verfügung stellen, stehen unzählige von Familienangehörigen oder Freunden erstellte private Gedenkseiten.

Die Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin Katrin Gebert nimmt Forschungen über das Gedächtnis und ethnologische Ritualtheorien zum Ausgangspunkt. Sie untersucht Erinnerungsportale aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und wertet exemplarisch einhundert Gedenkeinträge für einzelne Personen aus.

Sie selbst betont, dass die Inhalte des Mediums Internet ständig in Bewegung sind. Seiten werden verändert, entstehen und verschwinden wieder. Für die kommerziell betriebenen Portalseiten geht es auch um Markt und Wettbewerb. Von 19 angegebenen Erinnerungsportalen sind aktuell bereits fünf Domainadressen nicht mehr erreichbar. Einige nicht untersuchte Anbieter sind inzwischen dazu gekommen.

In der Anfangszeit der Gedenkseiten wurde die Unendlichkeit des Internets betont und die virtuelle Ewigkeit beschworen. Mit dieser romantischen Vorstellung geht die Autorin recht nüchtern um: Die Ewigkeit endet, wo der Vertrag für den Seiteneintrag nicht verlängert, der Anbieter das Portal aus dem Netz nimmt, oder das Interesse an der Aktualisierung erloschen ist. Den Wandel auf den privat betriebenen Gedenkseiten sieht sie auch als Ausdruck der sich verändernden Trauer der Betreiber.

Das Buch ist klar gegliedert. Nach einer Übersicht über den aktuellen Forschungsstand in den Sozial- und Kulturwissenschaften über das Thema Tod, nimmt sie das Stichwort von der postmodernen Gesellschaft auf und fragt danach, welche Auswirkungen die Postmoderne auf die Totenrituale, das Totengedenken und die Erinnerungsorte hat. Diese Gliederung entspricht den drei konstatierten menschlichen Bedürfnissen, die Trauernde dazu führt, das Medium Internet in Form von Gedenkseiten zu nutzen. Es ist das Bedürfnis nach rituellen Formen, nach Erinnern und nach Erinnerungsorten.

Sogenannte virtuelle Friedhöfe und Erinnerungsseiten im Internet entsprechen den menschlichen Bedürfnissen in einer komplexen, mobilen, pluralisierten, individualisierten und säkularisierten Gesellschaft. Unterschiedliche Werthaltungen, Lebensformen und religiöse Anschauungen existieren nebeneinander. Der Mensch wird zur letzten Instanz seiner eigenen Weltsicht, er konstruiert seine Wirklichkeit aus den vorhandenen Angeboten zur Sinngebung. An diesem Prozess sind die Medien stark beteiligt, denn sie vermitteln die ganze Bandbreite der religiösen und säkularen Weltsichten.

Zentral ist die Auseinandersetzung mit dem Medium Internet. Durch die mediale Präsenz verschwimmen die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Räumen. Bedürfnisse verlagern sich in die neuen virtuellen Räume, die so groß erscheinen, dass alles und jeder einen Platz darin findet. Die Autorin wendet sich gegen die Trennung von realer und sogenannter virtueller Welt. Für sie ist das Internet ein Medium, ähnlich wie das Telefon, das keine Gegenwelt zur realen Welt darstellt, sondern interaktive Tätigkeiten ermöglicht, die sehr reale Erfahrungen sind.

Auf die Trauer- und Erinnerungskultur angewandt bedeutet dieser Ansatz, dass eine Gedenkseite eine von vielen friedhofsunabhängigen Erinnerungsformen ist. In den Erinnerungsseiten verwirklicht sich das kollektive Gedächtnis und Totengedenken, das in allen Zeiten und in allen Kulturen zu finden ist.

Nach diesen grundlegenden Überlegungen zur Bestattungskultur, zum Medium Internet und dem kollektiven Gedächtnis geht sie in die konkrete Untersuchung von Internetmemorials und privaten Gedenkseiten über. Sie fragt nach der Intention der Betreiber der Seiten, gibt einen Überblick über die Gestaltungsmerkmale und die Motivation der Nutzer der Internetgedenkseiten.

Die gefundenen Aspekte überraschen nicht. Es geht darum den Tod eines Menschen zu veröffentlichen, die Verstorbenen darzustellen und sie zu erinnern. Die Seiten unterstützen die Nutzerinnen und Nutzer in ihrer Trauerarbeit und ermöglichen einen Austausch und gegenseitige Unterstützung mit anderen Betroffenen, wo das reale Umfeld bereits längst wieder zum Alltag übergegangen ist. Die Seitennutzer bilden neue Kollektive und legen den Grundstock für ein neues kollektives Totengedächtnis. Die privatisierte Trauer findet hier einen Weg in die Öffentlichkeit und zwar solange es die Trauernden wünschen. Die Autorin spricht den Gedenkseiten eine soziale Rolle zu. Gleichzeitig benennt sie auch den kritischen Aspekt der ständigen Präsenz der Verstorbenen im Internet. Die permanente Verfügbarkeit der virtuell weiter Lebenden lässt keinen wirklichen Abschied zu, denn anders als auf dem Friedhof sehen die Benutzer kein Grab und verwelkende Blumen, sondern das lächelnde Gesicht eines längst Verstorbenen. Insofern ist die Vergänglichkeit von Internetadressen zu begrüßen.

Die Untersuchung zeigt, dass Trauer, Gedenken und die Bedeutung von Gedächtnisorten entscheidend von der Todesursache, dem Alter und den bestehenden sozialen Bindungen abhängt. Die Mehrzahl der Gedenkseiten ist verstorbenen Kindern, plötzlich oder gewaltsam gestorbenen Menschen gewidmet. Ältere Menschen verzeichnen weniger Einträge. Diese sind in der Regel in der kurzen Form einer Todesanzeige gestaltet.

Das Buch ist keine leichte Lektüre. Es hat den Anspruch das Phänomen der Gedenkseiten im Internet in den größeren Kontext von Forschungen zur Bestattungs- und Erinnerungskultur einzuordnen und es im Rahmen der Veränderung sozialer Beziehungen durch das Medium World Wide Web verständlich zu machen. Dies ist Katrin Gebert gelungen. Ihr Ansatz hat eine bleibende Gültigkeit, auch wenn die Datenbasis, die das Internet liefert, in kurzer Zeit überholt sein wird. Alles spricht dafür, das Buch gleich zu lesen.

ISBN 978-3-8288-9877-6
399 Seiten, Paperback
Tectum Verlag 2009
Preis: 29,90 €€

auf der Homepage des Tectum Verlages kann das Buch auch als PDF-Datei heruntergeladen werden (23,99 €€)

versandkostenfrei bestellen: Carina unvergessen

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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