Fachberatung Trauerfeier

BLOG

Einmal im Leben Kaiser sein

31. August 2009

Am vergangenen Freitag wurde das neue Krematorium Niederrhein Willich offiziell eröffnet. Betreiber ist die Facultatieve Gruppe, die verschiedene Krematorien und Begräbnisstätten in den Niederlanden und Deutschland (Memmingen) betreibt.

Seit dem Frühjahr 2009 finden hier Kremationen statt, die Feierhallen wurden in den vergangenen Monaten fertig gestellt.

Am Samstag 29.08.2009 wurde zum Tag der offenen Tür eingeladen. Ich war in der Nähe, hatte also Gelegenheit mir selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Zuerst einmal:

  • Die Bedingungen für Bestatter sind vorbildlich. Sie haben jederzeit Zugang und können den Verstorbenen vor Ort versorgen.
  • Es gibt drei Abschiedsräume, in denen Verstorbene aufgebahrt werden können. Die Angehörigen haben mit einem digitalen ‚Schlüssel’ rund um die Uhr Zugang.
  • Die Räume für Trauerfeiern sind ansprechend gestaltet und mit modernster Technik ausgestattet (Aufnahme der Trauerfeier, Musikstudio, Musikbibliothek, Übertragung der Trauerfeier, Wiedergabe von Fotos, Videos oder Präsentationen).
  • Die Angehörigen können bei der Einfahrt des Sarges in den Ofen anwesend sein. Die Einäscherung kann zeitnah erfolgen, sodass eine Urne noch am selben Tag beigesetzt werden kann.
  • Die Urne kann anschließend jeden gewünschten Weg gehen: zur Baumbestattung, Seebestattung, ins Kolumbarium, anonym, begraben oder zur Ascheverstreuung (in Holland)
  • In den freundlich gestalteten Gastronomieräumen können die Trauergäste im Anschluss zusammenkommen.

Das Konzept ist klar:

„Ausgehend von den persönlichen Wünschen der Verstorbenen und der Hinterbliebenen ist im Krematorium Niederrhein Willich rundum und während der Zeremonie – innerhalb der gesetzlichen Grenzen – alles möglich.“

Nun mein Eindruck:

Der Tag der offenen Tür wird gut angenommen, in der Bevölkerung besteht ein großes Interesse hinter die Kulissen zu schauen. Der Rundgang beginnt bei den Abschiedsräumen. Alles ist sehr gepflegt, gewienert, neu. Ich muss eine Weile warten, denn eine Busladung von Menschen schleust sich durch die Gänge und Zimmer der Villa. Ich fühle mich wie in einem Museum.

Ich lausche den Kommentaren der Besucherinnen und Besucher.

„Dem Zweck entsprechend.“

„Schön angelegt.“

„Die wollen hier ja alles machen.“

Fortgesetzt wird der Rundgang bei den beiden Feierhallen. Statt Stuhlreihen stehen in beiden Räumen Bänke. Das ist schön, denn es ermöglicht körperliche Nähe. Die Trauergäste können zusammenrücken und sich trösten. Allerdings ist die Raumgestaltung dadurch unflexibel. Sich im Kreis um den Sarg zu setzen ist nicht möglich. Den gesellschaftlichen Entwicklungen entsprechend verzichten die Betreiber in den Räumen auf  religiöse Symbolik. Wer ein Kreuz aufstellen möchte, kann dieses sicher mitbringen.

Weiter geht es mit dem Versorgungräumen, dem Einfahrzimmer (Raum, in dem die Angehörigen die Einfahrt des Sarges in den Ofen beiwohnen können) und dem Ofenraum. Das schönste Zitat aus dem Ofenraum:

„Dann kommst du da rein, wirst dort gekühlt und wirst nachher mit dem Trichter in die Urne gefüllt.“

Alles ist bereit

Den Abschluss bildet die Gastronomie. Hier können die Besucher bei Kaffee und Kuchen ihre Eindrücke nachklingen lassen und gleich ihren letzten Willen in dem Formblatt der bereit gelegten Broschüren bekunden.

„Ich wünsche nach meinem Ableben im Krematorium Niederrhein Willich eingeäschert zu werden.“

An jeder Station steht ein freundlicher Mitarbeiter, der geduldig die Fragen der Besucher beantwortet. Mal direkt, mal ausweichend, vor allem wenn es um die Zahlen geht oder um die Konkurrenz zum städtischen Krematorium in Krefeld (nur wenige Kilometer entfernt) oder dem grenznahen niederländischen Krematorium in Venlo (ein anderer Betreiber).

Ich verweile länger im Innenhof. Der Kies knirscht unter den Schritten der Besucher. Der Wind weht die ersten welken Blätter des Jahres von den beiden Bäumen. Die haben die wechselhafte Geschichte des Hofes miterlebt. Die Adelsfamilie, die Pferde, die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau nach dem Krieg, den Zerfall. Das Gehöft stand in den vergangenen Jahren leer. Nach dem Umbau macht das historische Landgut wieder einiges her. Der Charakter der Gebäude wurde erhalten, die ursprüngliche Architektur beachtet, die originalen Backsteine wieder verwendet.

Die Kommentare der Besucher:

„Was dieses Gebäude kostet und das ganze Drumherum.“

„Einmal im Leben Kaiser sein.“

Damit bin ich wieder bei der ersten Station des Rundgangs angekommen. Noch einmal hin zu den Abschiedsräumen. Sie heißen Fürsten-, Baron- und Kaiserzimmer. Die Besucher sind beeindruckt. Wenigstens einmal im Leben auf einem Hofgut willkommen sein. Einmal Kaiser sein. Und sei es im Tod.

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Ich freue mich, wenn Sie ihn mit anderen teilen.

Weitere interessante Beiträge