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Gedenkseiten im Internet

15. März 2009

Sie heißen ganz profan „Menschen-Gedenken“, „Kondolenzbuchservice“ und „Portal der Erinnerung“ oder mit religiösem Bezug „Ewiges Leben“, „Ewige Erinnerung“ und „Paradies-Friedhof“.

 

Sie bieten Menschen die Möglichkeit, für Verstorbene einen Eintrag anzulegen. Zur Erinnerung, zum Gedenken, zum Trauern. Diese weltweit zugänglichen Todesanzeigen bieten neben Namen, Geburts- und Todesdatum die Möglichkeit eine (virtuelle) Blume ans Grab zu legen, eine (virtuelle) Kerze zu entzünden oder mit einem eigenen Kondolenzeintrag mitzufühlen. Die technischen Möglichkeiten sind immer einfacher zu handhaben, so kommen die Lieblingsmusik der Verstorbenen, Bildgalerien, Videosequenzen und das Versenden von Trauerkarten dazu. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Angebote deutlich vermehrt. Deshalb lohnt es sich, einen Blick auf diese kollektiven Internetfriedhöfe zu richten. Es gibt darüber hinaus private Gedenkseiten, individuell für einzelne Personen erstellt, die irgendwann einen eigenen Blog-Beitrag bekommen werden. Eine gute Übersicht vorhandener Gedenkseiten bietet der Open Directory Katalog (Anm. 17.04.2017 dmoz wurde abgeschaltet)

Wie so viele Entwicklungen begann auch diese in den USA. Der Internetfriedhof cemetery.org existiert seit 13 Jahren. Für Deutschland sind ganze sechs Einträge verzeichnet. Seit Jahren gedenken die Deutschen selten virtuell, vielleicht ist das der Grund, weshalb der erste deutsche Internetfriedhof, die Hall of Memory (geboren 1998), die digitale Welt wieder verließ, bevor er erwachsen wurde. Die versprochene Ewigkeit war von kurzer Dauer.

Ein Blick auf die Einträge zeigt: Bei ca. 835.000 in Deutschland verstorbenen Menschen im Jahr 2008 (Quelle: Statistisches Bundesamt) ist der Anteil derjenigen, von denen durch Einträge auf Gedenkseiten virtuell Abschied genommen wird verschwindend gering. Das ist zu erwarten. Denn für Menschen der Generation, die jetzt nach und nach stirbt, ist „Internet“ oft ein Fremdwort. Ihre Kinder kennen meist schon Homebanking, Ebay und Photoshop, doch sie lesen die Sterbeanzeigen in der Zeitung und verschicken ihre schwarzumrandeten Einladungen zur Trauerfeier mit der Post.

Bei einigen Anbietern wird die Zahl durch selbst angelegte Einträge über verstorbene Prominente erhöht. Genutzt werden im Internet veröffentlichte Nachrufe und Bilder. Das erhöht die Besucherzahlen der Seiten, denn wer nach einem Prominenten sucht, findet auf diesem Weg zu mylegat, emorial (Anm. 9.2.2014 Link nicht mehr erreichbar) und Co. Die Datierung der Einträge von prominentenlosen Seiten, sagen mehr über die Nutzung aus, als die schönen Worte auf den Startseiten: 2007 der letzte Eintrag im Gästebuch, letzte Nachruf vom März 2008. Vielleicht kommt die Zeit der Gedenkseiten noch, wenn die  Internetnutzung alltäglich wird und diese Möglichkeit sich weiter herumspricht.

Die Anbieter von Gedenkseiten gehen unterschiedliche Wege. Manche sind kostenfrei, jeder kann jemand anderen eintragen. Ein besonders gelungenes Beispiel (Achtung Ironie!) ist der Eintrag über Adolf Merckle auf dem Portal Inlutto:

Adolf Merckle * 18.03.1934 – † 05.01.2009 Auf Grund einer wirtschaftlichen Schieflage nahm sich der schwäbische Milliardär das Leben. Ein normaler Manager hätte sich eine fette Abfindung bezahlen lassen und wäre weitergezogen ….

Andere kosten Geld. Dafür werden die Seiten betreut, Einträge wie den über Herrn Merckle gibt es dort nicht. Stattdessen gibt es einen Login für einen privaten Bereich oder zusätzliche Angebote wie Foren und Beratung. Ein Erfolg versprechendes Geschäftsmodell haben nur wenige Gedenkseiten, wie etwa e-bestattungen (Anm. 6.3.14 Link nicht mehr aktuell). Das Portal ist mit einem durchdachten Affiliate- und Partnerprogramm ausgestattet und Angehörige können zwischen einer kostenfreien Kondolenzseite und einer  kostenpflichtigen Gedenkseite wählen.

Die vorhandenen Portale richten sich mit ihrer Gestaltung und Sprache an die älteren Generationen. Sie befinden sich auf den Strassen des Internets, die die jüngeren Menschen nicht entlang gehen. Deshalb werden sie kaum aufgesucht. Werden die jungen Leute mit einem Sterbefall konfrontiert, finden Sie selten den Weg zu Geh-den-Weg.de (Anm. 18.04.2017 Link nicht mehr erreichbar). Adresse unbekannt.

Wer mit den digitalen Medien aufwächst, erfährt vom Tod eines Freundes in Windeseile über die Social Community auf StudiVZ oder MySpace, nicht aus der Zeitung oder einem E-Mail-Link auf eines der Gedenkportale. In den Communities wird auch der Termin der Trauerfeier gepostet und seitenlang reiht sich ein Betroffenheitseintrag an den anderen.

Die trauernden Jugendlichen agieren in der weltweiten Öffentlichkeit des Internets auf eine Art und Weise, wie die ältere Generation es niemals schriftlich, sondern nur im Privaten mündlich tun würde. Einträge auf einer Kondolenzseite (ausnahmesweise doch auf einem Gedenkportal, nämlich mylegat.de gefunden):

…ich finde schade das J. grade so reagiert… deine Bemerkung „guter Freund“ kannst dann auch von dieser Seite nehmen hinter deinem Namen J…. es ist traurig was du grade abziehst…

J. reagiert ca. eineinhalb Stunden später:

man sollte fragen bevor man so nen Müll schreibt…

Eine Studie über das Trauerverhalten junger Menschen im Internet steht noch aus. Doch wer sich eine Weile auf dem Videoportal Youtube umschaut, wird schnell fündig. Ich habe Sabrina selbst nicht gekannt, doch sie auf diese Weise kennen zu lernen berührt mich. Das Video für sie zeigt, wie Gedenken im Internet aktuell gestaltet wird, jenseits der dafür bereit gestellten Gedenkseiten.

(Beitragsbild: http://www.ewigesleben.de/)

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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