Fachberatung Trauerfeier

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Keine Angst vor Digitalien

27. März 2015

Die Digitalisierung aller Lebensbereiche schreitet voran. Onlineshops sprießen aus dem Boden, Big Data und Internet der Dinge heißen die gesellschaftlichen Entwicklungen. Ethische Fragen werden selten gestellt. Doch was hat das alles mit der Bestattungsbranche zu tun?

 

Die Cebit, die weltgrößte IT-Fachmesse, hat gerade ihre Pforten geschlossen. Unter den Stichworten Big Data & Cloud und Internet der Dinge ging es um digitale Lösungen aus der Informations- und Kommunikationstechnik für die Arbeits- und Lebenswelt. Vielleicht denkt der eine oder andere: was geht mich die Cebit an. Die Bestattungsbranche lebt vom direkten Kontakt mit den Angehörigen und Särge werden in hundert Jahren immer noch aus Holz sein.

 

Die Ausläufer der Digitalisierung und Vernetzung erreichen uns bereits

Doch wie wird sich diese gesellschaftliche Entwicklung, die nach und nach alle Lebensbereiche durchdringt in Zukunft auswirken? Die Ausläufer der Digitalisierung und Vernetzung erreichen jeden von uns und bereits unseren Arbeitsalltag. Wir müssen uns mit den digitalen Themen auf rund um Tod, Trauer und Bestattung auseinandersetzen. Bei einer guten Bestattersoftware fängt es an, bei der Digitalisierung von Bestattungsvorsorgen geht es weiter. Das Internet kennt inzwischen Gedenkseiten, Trauerportale und den Direktvertrieb von Urnen und Accessoires für die Trauer. Zahlreiche Bestatter bieten ihren Kunden eine Dienstleistung zur Regelung von digitalem Nachlass an. Die ersten QR-Codes werden auf Grabstätten montiert. Friedhöfe installieren die Technik, um die Trauerfeier live per Webcam übertragen zu können.

Das alles ist noch nicht Big Data und kein Internet der Dinge, was die Themen auf der Cebit waren. Doch die vollautomatisierten Krematorien, in der die Särge mittels Scancode verarbeitet werden, gibt es bereits. Die Zeitschrift Chip veröffentlichte im Februar einen Cartoon auf dem der Schlaftracker des Verstorbenen auf dem Weg zum Grab aus dem Sarg heraus folgende Meldung abgab: „Gratuliere! Du hattest heute Nacht null Wachphasen. Schlaftracker jetzt synchronisieren?“ Wird es irgendwann einmal Verwesungstracker geben, die sagen „Bitte den Aufbahrungsraum nicht mehr betreten. Zumutungsgrenze ist überschritten.“? Wird in das Fitnessarmband einprogrammiert sein, welcher Bestatter zu beauftragen ist, wenn es mit der Fitness einmal vorbei sein sollte?

 

Was im Moment noch absurd erscheint, wird vielleicht irgendwann Realität

Viele Menschen fanden lange Zeit Kühlschränke absurd, die automatisch Milch und Butter online nachbestellen, wenn sie ausgegangen sind. (Ich finde sie immer noch absurd) Inzwischen stehen solche Geräte in zahlreichen deutschen Küchen. Das ist das Internet der Dinge. Das geht soweit, dass Google-Chairman Eric Schmidt im Januar 2015 beim Weltwirtschaftsforum ankündigte: „Das Internet wird verschwinden“. Wenn bis 2020 mehr als 55 Milliarden „Dinge“ online sind, ist der klassische Internetbegriff obsolet. Das Web wird überall sein.

Vielleicht hätte die Bestattungsbranche ethische Fragestellungen einzubringen. Ist der Mensch nicht mehr als eine Ansammlung von zu optimierenden Bio- oder Consumerdaten? Die tägliche Erfahrung im Umgang mit trauernden Angehörigen zeigt ja, dass am Ende nicht die Frage „Wie viel hast du konsumiert?“ wichtig ist, sondern die Fragen „Wen hast du geliebt?“ und „Wem hast du etwas bedeutet?“. Dafür wäre es aber wichtig, die rasante Entwicklung im Auge zu behalten, sie nicht von vorneherein abzulehnen, sondern die hilfreichen Entwicklungen in die eigene Arbeit zu integrieren und den Schattenseiten von Kommerzialisierung und Überwachung mit den eigenen Werten entgegen zu treten: Intimität statt Echtzeitanalysen. Trauer statt Optimierung. Liebe statt Konsum.

(Beitragsbild: Fotolia.com Jürgen Fälchle)

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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