Fachberatung Trauerfeier

BLOG

Medienprofi macht auf ewig – stayalive.com

10. November 2010

„Facebook für Tote“ oder „Social Network für Zombies“ wird das neue Portal StayAlive bereits betitelt. Der 9.11. war groß angekündigt. Hinter dem neuen Portal stehen der  Internet-Unternehmer Matthias Krage und der ehemalige Focus-Chefredakteur Helmut Markwort, zwei Medienprofis mit dem nötigen Kleingeld, einen solchen Medienhype um das Anschalten einer Webseite zu veranstalten.

 

Noch am Vormittag war nichts zu sehen außer der Meldung „Freuen Sie sich auf ein neues Portal“. Online war die Seite dann am gestrigen Abend. Im Stil und Funktionalität der Community-Plattform Facebook aufgemacht, verspricht das Angebot „digitale Unsterblichkeit“. Aber „ewig“ bleibt nur, wer zahlt. Sechs Monate kann man probeweise unsterblich sein, danach ist die Unsterblichkeit nicht so billig zu haben.  Nach Ablauf Probezeit kostet die Gedenkstätte 19,90 Euro im Monat, bzw. 499 Euro „für immer“, was real bedeutet: bis jemand jemand die Gedenkstatte löscht, bis die Seite abgeschaltet wird und ganz ketzerisch: solange es Zugang zum Internet gibt und die Stromversorgung gesichert ist.

Machen wir uns nichts vor. Jeder Mensch stirbt. Früher oder später. Etwas Lebendiges kann sterben. Daten können im Internet ein gewisses „Eigenleben“ entfalten, sterblich sind sie jedoch nicht. Was als Unsterblichkeit beworben wird, ist die Konservierung digitaler Zeichenfolge von Nullen und Einsen, die sich in Bilder und Texte von und über einen Menschen dechiffrieren lassen.

Trauerportale sind ein Markt, den einige Unternehmen und Medienhäuser für sich erschließen wollen. In den USA scheint es zu funktionieren, in Deutschland tummeln sich zahlreiche Anbieter auf dem Markt, mit mehr oder weniger modernen Konzepten. Neu bei Stayalive ist der konsequent durchgezogene Community-Gedanke. Wenn es funktioniert, wird mit der Zeit ein Netzwerk der Toten entstehen, mit ein paar mutigen Lebenden, die die digitale Nähe der Toten nicht scheuen.

Die Werkzeuge sind nicht neu, sie sind bereits verstreut bei anderen Anbietern zu finden: Community-Funktionen, ein Baukasten für die Erstellung einer individuellen virtuellen Gedenkstätte mit Fotos und Videos, ein virtueller Tresor für digitale Hinterlassenschaften, die Anzeige des Friedhofs mit dem realen Grab auf GoogleMaps oder ein Tool, mit dem ein Stammbaum erstellt werden kann. Neu ist also nur die Verknüpfung der Funktionen auf einer Plattform.

Stayalive-Gründer Krage meint, dass vorhandene Online-Trauerportale wie Emorial (Anm. 9.2.2014 Link nicht mehr erreichbar)  oder Trauer.de „die alte Welt ins Internet übertragen“. Stayalive versucht die Funktionsweise von Facebook auf den Tod zu übertragen. Das ist eine gnadenlose Überschätzung der Mechanismen, die im Internet wirken. Den aktuellen Medienhype nutzt man am besten, sich Gedanken über die eigene Internetnutzung und den eigenen (unausweichlichen) Tod zu machen.

Ob ich mir einen Account bei Stayalive zulege? Wohl eher nicht. Ich will nicht einmal probeweise unsterblich sein.

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Ich freue mich, wenn Sie ihn mit anderen teilen.

Weitere interessante Beiträge