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Mit Trauerreden den Lebensunterhalt verdienen – Wunschtraum oder Wirklichkeit?

3. August 2016

Wie viele Menschen, die als Trauerrednerin oder Trauerredner arbeiten, verdienen ihren Lebensunterhalt mit dieser Tätigkeit? Nur einem Teil der freien Trauerrednerinnen und -redner wird dies gelingen. Auf der anderen Seite wollen viele auch gar nicht tagein tagaus auf dem Friedhof stehen.

Ich kenne Trauerredner, die arbeiten um die 400 Trauerfeiern im Jahr ab. Ich kenne welche mit 1o Feiern im Jahr. Die einen leben ausschließlich von der Begleitung von Trauerfeiern. Für viele andere sind die Trauerreden nur ein Teil ihrer beruflichen Tätigkeit.

Um im Beruf zufrieden zu sein, muss jeder für sich selbst herausfinden:

  1. Wieviel Geld benötige ich, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
  2. Wieviel will ich dafür arbeiten?
  3. Mit welcher Arbeit kann ich mein Ziel erreichen?

Aber es gibt nicht nur monetäre Ziele, sondern auch persönliche Fähigkeiten und Grenzen:

  1. Wieviel Tod und Trauer vertrage ich?
  2. Welchen Ausgleich finde ich, wenn ich in diesem emotionalen Feld arbeite?
  3. Was macht mir sonst noch Spaß?
  4. Welche anderen beruflichen Interessen will ich noch verfolgen?

Die meisten freien Rednerinnen und Redner arbeiten als Freiberufler. Natürlich gibt es auch Bestatterinnen und Bestatter, die selbst die Trauerreden in Ihrem Bestattungshaus übernehmen und einige wenige bei großen Filialisten angestellte Redner. Von denen soll hier aber nicht die Rede sein.

 

Die Akquise läuft anders als bei anderen Freiberuflern

Als Freiberufler stehen Trauerrednerinnen und -redner vor einer großen Herausforderung, die anders ist als bei anderen freiberuflichen Tätigkeiten (Hochzeitsredner, Grafiker, Texter, Supervisoren, Trainer etc.). Sie bekommen ihre Aufträge in der Regel nicht direkt von ihren Kunden, sondern werden durch ein Bestattungsunternehmen an diese Kunden vermittelt oder empfohlen. Das Bestattungshaus wirkt so als Filter zwischen den Kunden und dem Freiberufler. Was durch diesen Filter hindurchgeht, bestimmt das Bestattungshaus, nicht der Redner. Das hat verschiedene Auswirkungen: zum einen ist der Markteintritt für neue Rednerinnen und Redner nicht einfach, zum anderen entsteht eine nicht zu unterschätzende Abhängigkeit von den Bestattern in der Region. Andererseits: Läuft die Zusammenarbeit gut, hat man es als Rednerin sehr bequem, man muss sich nicht um die Akquise kümmern, das übernimmt der Bestatter für einen. Das Telefon klingelt regelmäßig und man muss nur den Termin bestätigen.

 

Die Bezahlung: Notwendigkeit, Wunsch und Wirklichkeit

Ein Trauerredner, der eine Familie zu versorgen hat, müsste circa 75.000 Euro im Jahr Umsatz machen, um seine Büro- und Werbekosten zu begleichen, sich als Selbständiger sozial zu versichern, ausreichend für das Alter vorzusorgen und genügend zum Leben übrig zu haben. Die aktuelle Diskussion um die Rentenversicherungspflicht für Selbständige zeigt das Dilemma. Seit der Berufsstand der Trauerredner aus der KSK (Künstlersozialkasse) herausgekickt wurde, wird in der Krankenversicherung der monatliche Mindestbeitrag für hauptberuflich Selbständige um die 350 € fällig, unabhängig davon, wie wenig man verdient und welche Verpflichtungen man sonst noch hat. Einen ähnlichen Betrag noch für die Alterssicherung aufzubringen, wird für viele schwierig werden, wenn man sich die Verdienstmöglichkeiten anschaut.

Als Newcomer kann man sich ausgehend von seinen Honorarforderungen fragen: Wie oft müsste ich pro Jahr in der Trauerhalle stehen, wie viele Gespräche mit Angehörigen führen, um 75.000 Euro zu verdienen? Ist das mittelfristig realistisch? Wenn man ein Honorar ansetzt, das deutlich über den regional üblichen Honoraren liegt, machen die Bestatter nicht mit. Wenn man den angezielten Umsatz über die Anzahl der Trauerfeiern erreichen will, leidet die Qualität. Und ist es überhaupt möglich diese Anzahl von Trauerfeiern zu erreichen? Bei vielen dürfte die Antwort „Nein“ lauten.

 

Eine Lösung sind andere Tätigkeiten aus finanziellen Gründen

Von Wunschträumen kann niemand seine Miete bezahlen. Entweder müssen sich eine Rednerin/ ein Redner eine andere berufliche Perspektive aufbauen oder das Leistungsspektrum erweitern. Eine Möglichkeit ist es, von vorneherein die Trauerreden nur als Teilzeittätigkeit oder Zubrot zu verstehen: Hauptberuflich Mutter oder Vater sein, einen gutverdienenden Partner haben, irgendwo noch einer geregelten Angestelltentätigkeit in Teilzeit nachgehen oder durch eine Rente im Grunde abgesichert sein. Andere erweitern ihr Leistungsspektrum mit Angeboten, die zu ihrer beruflichen Biografie und fachlichen Kompetenz passen. Und hier sind die Beispiele vielfältig: Discjockey, Paarberatung, Künstler, Unternehmensberatung, Ausbilder, Kommunikationstraining, Moderatorin, freier Journalist etc.

Wichtig ist, dass die Arbeitszeiten möglichst wenig mit den meist kurzfristigen Anfragen für Trauerfeiern kollidieren. Hier ist ein hohes Maß an Selbstorganisation und Flexibilität gefragt.

 

Eine Lösung sind andere Tätigkeiten aus emotionalen Gründen

Die Kombination der Trauerrednertätigkeit mit anderen Tätigkeiten hat natürlich nicht nur finanzielle Gründe oder dass man nicht genug Aufträge bekommt. Jeder muss für sich fähig sein, mit den emotionalen Belastungen umzugehen. Die meisten freien Rednerinnen und Redner sind Einzelselbständige, die ihr Büro zuhause haben. Die wenigsten sind in ein Team eingebunden, in dem gemeinsam über einzelne Fälle und Belastungen gesprochen werden kann. Jeder muss für sich die Balance finden zwischen den beiden Extremen völliger emotionaler Distanzierung und grenzüberschreitendem Helfersyndrom. Eine gesunde professionelle Distanz, von Herzen kommende Empathie in der Begleitung der Angehörigen ohne die Grenzen der eigenen Berufsrolle zu überschreiten ist nur möglich, wenn der Trauerredner selbst gut auf sich achtet. In den sozialen Berufen wird hier von Selbstfürsorge gesprochen. Eine Art gut auf sich zu achten kann sein, den Anteil der Trauerreden im eigenen Tätigkeiten Mix zu beschränken.

Ich selbst bin ein Mensch mit vielfältigen Interessen. Mich nur auf Trauerreden zu beschränken, wäre mir viel zu einseitig. So geht es vielen Kollegen und Kolleginnen. Deshalb gibt es viele Redner mit zusätzlichen beruflichen Standbeinen. Man merkt schnell, ob die verschiedenen Tätigkeiten aus der Not heraus geboren sind oder ob jemand die eigene berufliche Identität bewusst gestaltet. Im einen Fall köchelt auf jedem Feuer ein Süppchen, der Bauchladen wird vollgepackt in der Hoffnung, dass in der Summe aller Tätigkeiten genug im eigenen Geldbeutel hängen bleibt. Im anderen Fall spürt man eine ruhige Gelassenheit. Dennoch bleibt die Herausforderung, die Anforderungen der verschiedenen Tätigkeiten miteinander auszugleichen.

 

Es ist möglich, mit Trauerreden den Lebensunterhalt zu verdienen

Bevor sich jemand auf den Weg in den Beruf Trauerredner macht, sollte er oder sie prüfen, ob es wirklich der eigene Wunschtraum ist, als Vollzeitredner tätig zu sein. Danach ist der Markt zu prüfen, ob überhaupt Chancen bestehen, den Wunsch mittelfristig Wirklichkeit werden zu lassen. Für die meisten Newcomer gilt: Ist der Wunsch Trauerrednerin/ Trauerredner zu werden aus der Vorstellung geboren, sich schnell und ohne großen Aufwand ein Einkommen zu verschaffen, wird das schnell in einer Sackgasse enden. Man benötigt Durchhaltevermögen und muss Rückschläge verkraften können. Die Kraft dazu kommt aus einer tieferliegenden Motivation: Interesse an den Menschen, einen Beitrag leisten, damit Menschen gestärkt aus der Erfahrung von Abschied und Trauer hervorgehen oder ähnliche aus dem Herzen kommende Beweggründe.

[Dieser Artikel ist entstanden im Vorfeld des Starttermins meiner Ausbildung zum Trauerredner]

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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