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Social Media und der Tod – Beschleunigung und Entschleunigung des Lebens

1. November 2012

Die Blogparade zum Thema Tod und Trauer im Internet zieht Kreise. Mit meinem eigenen Beitrag will ich einen Blick werfen auf die Frage, ob die Nutzung von Social Media bei einem Todesfall nicht diametral entgegengesetzt ist zu dem Geschehen offline. Die Stichworte „Beschleunigung“ und „Entschleunigung“ dienen der Veransschaulichung.

 

Ich bin in beiden Bereichen tätig: online und offline. Online lösche ich Profile verstorbener Menschen, melde Accounts ab, sichere für die Angehörigen Daten oder lösche diese, wenn sie nicht mehr benötigt werden. Offline begleite ich Menschen beim Abschied. Bei Aufbahrungen begleite ich sie über die Schwelle hinein in den Raum, in dem der verstorbene Mensch liegt. Bei Trauerfeiern halte ich Reden, gehe mit zum Grab und begleite die Beisetzung. Dabei stelle ich fest, dass die Uhren in beiden Bereichen völlig anders ticken.

Der Medienwissenschaftler Geert Lovink nennt das Internet ein „24-Stunden-Nachrichtenspektakel“. Alle sind informiert, doch keiner denkt mehr nach. Die Internetaktiven pflegen rund um die Uhr ihre Profile bei facebook, twitter, google+, pinterest & Co. Diese Plattformen sind dynamisch, schnell, vernetzt und asap (as soon as possible).

Seiten oder Profile auf denen wenig los ist, wirken irgendwie leblos und veraltet. Geschrieben wird in Echtzeit. Sein und Schreiben geschieht am besten zeitgleich. Das Sterben durchkreuzt diesen asap-Mechanismus. Eine letzte Bastion des Privaten, des nicht Getwitterten, nicht Gesharten, nicht Gelikten ist der Moment des Sterbens selbst.

Im Moment des Sterbens steht die Timeline für einen Moment still, bevor in ungebremster Heftigkeit die R.I.P Nachrichten das Profil überschwemmen. Nur so ist gesichert, dass der Schreiber der/die Erste ist. Urheber/in der Meldung, Startpunkt des Streams der Follower und „Freunde“ wird. So wir das Facebook Profil „RIP Dirk Bach“ die Fangemeinde an sich bindet. Kaum ist die Todesmeldung am 1.10. raus, schnappt sich dieser Zeitgenosse die Aufmerksamkeit von – eben nachgeschaut – 6769 „Gefällt mir“-Klickern.

Über die Trauer mit einem Klick hat ja Hedwig Seipel schon geschrieben. Auch der Hinweis auf den t3n-Artikel über Edgeranks von Jörg Eisfeld-Reschke im Kommentar dort gehört zu dieser Thematik. Wie im Großen bei den verstorbenen Prominenten funktioniert der Mechanismus auch bei den verstorbenen Normalsterblichen, nur mit weniger Reichweite. Entscheidend ist der  „Ich bin dabei“-Effekt im Freundeskreis.  Sicher, unter den Beiträgen ist auch echte Betroffenheit. Wer mag beurteilen, welche Tränen vor dem Bildschirm vergossen werden? Wer weiß, welche Trauer aus der eigenen Lebensgeschichte des RIP-Schreibers berührt ist, wenn die Trauerbekundung für einen Prominenten abgegeben wird? Wer Social Media nutzt, trauert in den vorgegebenen Strukturen der Plattform, sei es Facebook, Google+, Twitter, Xing oder andere.

Dennoch, bei aller Vorsicht in der Beurteilung, mich irritiert die Instant-Trauer in der Timeline. Haben diese Leute noch Zeit an ein Sterbebett oder zur Beerdigung zu kommen? Wie welchen Gefühlen treten die fleissigen Internettrauernden in den Aufbahrungsraum und wie nähern sie sich dem Körper, der nur noch tot ist. Erlauben sie sich das stille Verweilen am Sarg oder ziehen sie ihr Smartphone heraus und twittern jede innere Regung, quasi in einer permanenten Selbstbeobachtung und Überlegung, welche Worte bei den Followern am besten ankommen werden.

Im direkten Umfeld eines sterbenden oder verstorbenen Menschen spielen  Zeit und Schnelligkeit keine Rolle mehr. Ich habe noch von keinem sterbenden Menschen gehört, dass er noch schnell nach seinen E-Mails oder den Statusmeldungen seiner „Freunde“ schauen wollte, bevor er stirbt. Das Internet mit seiner ganzen Dringlichkeit und Geschäftigkeit ist den Sterbenden herzlich egal. Manchen Trauernden wohl nicht. Twitter-Nachrichten von Beerdigungen hinterlassen bei mir einen schalen Nachgeschmack. Sie signalisieren eher „Ich war dabei“, Betonung mehr auf dem ICH, als auf der Trauer.

Wie hat sich die Trauerarbeit durch und mit Social Media verändert? Eines ist sicher, sie ist öffentlicher geworden. Aber das trifft ja auf alle Lebensbereiche zu. Unsensible Kondolenz und Gesehen-werden-wollen auf Beerdigungen gab es schon immer. Jetzt ist diese Seite der Trauer ebenso öffentlich wie die Trauer selbst. Ich selbst scheue mich meine Trauer so öffentlich zu machen. Ich habe noch nie in der Timeline kondoliert, auch wenn ich einen Menschen kannte. Ich gehe lieber zur Aufbahrung, wenn dies möglich ist. Ich gehe zur Beerdigung, besuche die Angehörigen und Freunde und schaue mir mit Ihnen die Fotoalben an.

(Fotolia.com Gabriele Rohde)

Aber vielleicht sitze ich ja auch in Zukunft irgendwann mit den Angehörigen vor dem Bildschirm, weil alle Fotos nur noch digital zu sehen sind. Weil sie mir das Video zeigen wollen, das die früheren Zeiten wieder heraufbeschwört.

Welche Chancen oder Gefahren sehe ich, wenn Menschen das Internet in Zeiten der Trauer nutzen? Ich denke, es ist deutlich geworden: das Internet ist ein schnelles Medium. Es ist in Zeiten der Trauer zu schnell. Ich habe Angst, dass Menschen es verlernen bei den Toten zu verweilen. Ich habe unendlich viel über das Leben gelernt, weil ich die Verstorbenen und mit ihnen den Tod meditiert habe.

(Beitragsbild: Fotolia.com olly)

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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