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Trauerorte am Strassenrand – Buchempfehlung

1. Juli 2009

Kreuze am Straßenrand markieren Orte, an denen ein Mensch bei einem Unfall gestorben ist. Auf manchen Strecken häufen sich diese Zeichen. Die Untersuchung von Christine Aka zur Bedeutung der Unfallkreuze beleuchtet das Phänomen aus geschichtlicher, philosophischer und volkskundlicher Perspektive.

 

Sie sind ein Hinweis auf die kulturellen Wandlungsprozesse des Trauerverhaltens und von Trauerritualen. Trotz des wissenschaftlichen Ansatzes ist das Buch auch für Nichtfachleute sehr gut zu lesen. Die Autorin geht mit den Menschen in Kontakt und spürt im Zuge ihrer Forschungen, dass sie sich als fühlender Mensch nicht draußen halten kann. Davon profitiert die Vermittlung des Themas, denn die professionellen Betrachtungsweise zeigt sich in ihrer Relevanz für die Menschen.

Inhaltlich greift sie alle wichtigen Fragestellungen auf. Zuerst erfolgt die wissenschaftliche Einordnung des Phänomens der Unfallkreuze. Ob als Brauch, Ritual oder Krisenbewältigungsstrategie definiert, die Kennzeichnung von Sterbeorten hat eine Funktion für die Trauernden und die Gesellschaft. Sie erscheinen wie gegenläufig zu der vielzitierten Verdrängung des Todes und Privatisierung der Trauer. Zwischen 2000 und 2002 dokumentiert sie 250 Kreuze in der Region Westfalen-Lippe. Nach 10.000 gefahrenen Kilometern und über 30 Interviews mit betroffenen Familien entsteht ein eindrückliches Bild des gesamten Themenkreises. Die Ergebnisse sind in die Kapitel des Buches gefasst:

  • Die Gespräche mit Angehörigen zeigen berührende Einzelheiten aus der Innenwelt der Trauernden. Die Rekonstruktion der letzten Minuten, dem Umgang mit der Leiche und den Fragen nach Schuld und Schuldigen. Das Beziehungsgeflecht aller Betroffenen wird sichtbar.
  • Die Bedeutung des Ortes wird von der ersten spontanen Errichtung des Erinnerungszeichens durch den Freundeskreis bis hin zur langfristigen „Verordentlichung“ mit Befestigung, Diebstahlschutz und Pflege nachgezeichnet.
  • Die historischen Orte eines plötzlichen Todes wie Marterl und Wegekreuze werden in ihrer Entstehung und Bedeutung sorgsam abgegrenzt zu den modernen Unfallkreuzen.
  • Ebenso wird die Bedeutung des Kreuzes unter die Lupe genommen. Das Kreuz zeigt sich hier nicht mehr als christliches Symbol, dass eine kirchlich-religiöse Bewältigung des Todes anzeigt, sondern als Symbol der Trauer, unabhängig vom weltanschaulichen Kontext der Trauernden.
  • Eingebettet werden die Ergebnisse in die Forschungen zur Gestaltung und Funktion von Trauerritualen.
  • Die Unfallorte als öffentlicher Traueraum berühren auch den Umgang von Ämtern und Behörden mit den Phänomen.
  • Einzelne Elemente der Erinnerungsorte wie Lichter, Blumen, Dekoration, Fotos, Botschaften werden vorgestellt.

Auf dem Hintergrund der Phasenmodelle von Trauer entsteht so ein detailliertes Bild, wie der Todesort in die Trauerverarbeitung eingebunden wird und neben dem Grab auf dem Friedhof eine eigene Bedeutung erhält. Immer wieder lässt sie die Angehörigen selbst zu Wort kommen. Das macht die Studie gut lesbar, ist berührend und sensibilisiert für den Umgang mit Trauernden. Den Abschluss bilden Reflexionen darüber, wie die Unfallkreuze und die mit ihnen verbundenen neu entstehenden Rituale eingebunden sind in die Trauerverarbeitung in Selbsthilfegruppe oder in der Trauerliteratur. Deutlich ist, dass neben die christliche Tradition ein breites Feld individueller Spiritualität getreten ist, die als Patchwork-Religiosität bezeichnet werden kann.

Die Autorin

Christine Aka, geboren 1962 in Vechta (Niedersachsen), studierte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Volkskunde, Geschichte und Ur- und Frühgeschichte. Nach mehrjähriger Berufstätigkeit in verschiedenen westfälischen Museen machte sie sich als Autorin und Ausstellungsmacherin selbständig.

Das Buch

im Waxmann-Verlag erschienen.

Unfallkreuze, Trauerorte am Straßenrand, Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Band 109, Münster/New York/Berlin/München 2007, 336 Seiten, broschiert, ca. 120 teilw. farbige Abbildungen, 19,90 €€, ISBN 978-3-8309-1790-8

versandkostenfrei bestellen: Unfallkreuze, Trauerorte am Straßenrand

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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