Fachberatung Trauerfeier

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Und die sind auch schon tot

17. Februar 2009

Herr L. ist gestorben, er war Jahrgang 1926. Die Trauerfeier soll vorbereitet werden. Gerne möchte ich ein Bild von ihm sehen.

 

Für die Witwe eine Einladung, die untere Schublade im Wohnzimmerschrank aufzuziehen und mehrere kleine Fotoalben hervorzuholen. (Diese untere Schublade der Schrankwand im Wohnzimmer ist ein beliebter Aufenthaltsort für Fotos.) Wenn ich vor meinem inneren Auge die vielen Gespräche vor Trauerfeiern Revue passieren lassen, sehe ich vor allem ältere Menschen, wie sie sich bücken zu den schlummernden Alben und sie aus ihrem Schlaf aufschrecken. Mir würden ja eins, zwei Bilder reichen. Doch wenn die Bilder zum Leben erwachen, wollen sie gesehen werden. Was ist ein Bild ohne den Betrachter?

Bedächtig und aufgeregt zugleich, blättert mir Frau L. die Alben vor. Herr L. in Shorts und braungebrannt, im Urlaub hier und dort, gemeinsam und allein. Und dann hält sie plötzlich Inne. Zehn Menschen sitzen um einen Tisch. Das Foto ist auf 1999 datiert, zehn Jahre sind seitdem vergangen. Alle schaut sie an, dann: „Und die sind auch schon tot.“ „Die auch.“ „Und die auch.“ Einzig Frau L. befindet sich auf der Seite der Lebenden. Zu wem werden die Bilder noch sprechen, wenn auch Frau L. gestorben ist?

Es ist das Schicksal der über achtzig Jährigen, dass sie weitaus mehr Freunde unter den Toten haben als unter den Lebenden.

Über die Autorin

Über die Autorin

Birgit Aurelia Janetzky bietet Fortbildungen für Berufsgruppen im Bereich Sterben, Bestattung und Trauer. Sie hält Vorträge und schreibt Artikel für verschiedene Fachzeitschriften. Als Social-Media-Managerin und Expertin für die Themen digitaler Nachlass und Trauer im Internet berät sie Unternehmen und Organisationen, und begleitet Projekte an der Schnittstelle von #Mensch #Tod #Internet.
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